Wie hat die Oper «War Requiem» den Krieg dargestellt?
Ich bin kein Opernexperte. Mir hat das Bühnenbild gut gefallen: das Gerüst im Kontrast zur Kathedralenfassade,diese Vermischung aus Baustelle und Kirche. Die Musik und die Stimmgewalt haben mich komplett reingezogen. Ich habe aber ein wenig Mühe mit dem Konzept des Mitleids. Diese Darstellung ist für mich nicht mehr ganz zeitgemäss. Nicht weil ich kein Mitleid habe, sondern, weil ich glaube, dass in den Ländern, in denen derzeit Krieg und Krisen herrschen, Mitleid eine ganz andere Rolle spielt als bei uns.
Inwiefern ist Mitleid nicht mehr zeitgemäss?
Im Theater versucht man gut und böse, richtig und falsch klar zu benennen. Natürlich muss man ein humanistisches Weltbild haben, wenn man im Theater oder einer anderen Kunstform sich mit Krieg auseinandersetzt. Aber man kann heute nicht mehr davon ausgehen, dass es ein klares Richtig oder Falsch gibt. Syrien zeigt das zum Beispiel. Man kann nicht einfach Pazifist sein und sich aus dem Konflikt raushalten. Auch dieses Verhalten hat Konsequenzen.
Sehen Sie Parallelen zwischen dieser Oper und Ihrer Arbeit als Kriegsfotograf?
Nein. Für mich gibt es keine eindeutigen pathetischen Lösungen. Es ist immer schwieriger, die Situationen zu durchschauen, auch weil man immer mehr Informationen hat.
Ist es auch schwieriger geworden, schreckliche Bilder bei Zeitungen und Magazinen abzusetzen?
Alles, was kompliziert ist, hat es schwierig. Heute wird erwartet, dass man alles gleich auf den ersten Augenblick sieht.
Man geht ständig vom dümmstanzunehmenden Leser aus …
Dabei wissen die Menschen viel mehr – ob sie Akademiker sind oder nicht. Derzeit wird in den Medien alles von irgendwelchen Werbestrategen diktiert, man traut ihnen am meisten zu. Das halte ich für Humbug, irgendwann werden die Leute die Nase voll davon haben. Es gibt keine einfachen Regeln dafür, was wirklich interessant ist. Doch die Leute erkennen und schätzen die tiefer gehenden, oft persönlichen, eigenwilligen Ansätze.